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Ein Denkanstoß

Einführung

Woher kommt Streit und Krieg? Meiner Ansicht nach handelt es sich letztendlich immer darum, daß Menschen sich ungerecht behandelt fühlen. Oft sind sie es auch. Wie kann es gerecht sein, wenn manche Menschen nicht genug zu essen haben und andere zu viel?

Auch Bürgerkriege wie die im ehemaligen Jugoslawien und in Nordirland sind verständlich als späte Nachwirkungen eines früher zugefügten Unrechts. Vielleicht wurde einem Volk sein zum Leben notwendiges Land entwendet. Vielleicht hatte sich auch ein durch Hungersnot oder politischen Zwang vertriebener Stamm in seinem Gebiet angesiedelt und dadurch eine immer noch gärende Rachelust ausgelöst.

Vielleicht ist es möglich, den Anlaß und damit den Streit zu verhindern?

Ich bin nicht so naïv, zu glauben, daß ich mit meinen bescheidenen Gedanken die Welt derart verändern kann, daß in Zukunft alle Menschen zufrieden und daher in Frieden leben können werden. Auch bin ich überzeugt, daß ein bleibender Friede erst durch die Gnade Gottes geschehen wird, wenn alle Menschen diese dankend annehmen. Aber vielleicht lohnt es sich, ein neues Denkmodell zu betrachten und dadurch die bestehenden politischen Gegebenheiten neu zu hinterfragen.

Völkerwanderung

Früher war es so, daß Menschen so ziemlich kommen und gehen konnten, wo sie wollten. Weil jedoch keine Fernverkehrsmittel zur Verfügung standen und die meisten Leute arm waren, blieben sie zumeist genau da, wo sie zur Welt gekommen waren. Nur wenn es Not tat, machten sie sich auf die Reise und besiedelten neue Gebiete.

Heute ist das anders. Fast jeder Mensch kann, wenn es ihm darauf ankommt, das Geld zusammenkratzen um in jeglichen beliebigen Erdteil zu reisen. Aber mit wenigen Ausnahmen darf er sich am Ziel seiner Reise nicht so ohne weiteres niederlassen. Warum?

Gleichnis

Ein Bauer war so erfolgreich, daß sein Speicher von gutem Essen proppevoll war. Als der Herbst kam, bekam er Angst, daß seine Nachbarn ihn beneiden und vielleicht bestehlen würden, weil ihre Felder nicht so reichliche Ernte abgegeben hatten.

Der Winter war hart, aber der Bauer lebte gut von seinen Vorräten. Seine Nachbarn unterdessen mußten hungern. Ihre Bitten, ihnen ein wenig abzugeben, fielen auf taube Ohren. Nachdem er ein Nachbarskind dabei ertappt hatte, wie es ein paar Kartoffeln aus seinem Keller holte, beschloß der wütende Bauer, seinen Besitz zu schützen.

Erst baute er in harter Arbeit eine hohe Mauer um seinen Hof. Dann bewachte er Tag und Nacht mit geladenem Schießgewehr diese Einfriedung. Es war ja doch schließlich sein gutes Recht, seine Ernte für sich zu behalten.

Das nächste Frühjahr und der nächste Sommer kamen. Noch immer mußte der Bauer seinen Hof bewachen. Er hatte keine Zeit, seine Felder zu bestellen. Als wieder der Winter hereinbrach, waren seine Vorräte zu Ende. Nun war er auf die Gutwilligkeit seiner Nachbarn angewiesen, um zu überleben.

Eichhörnchenpolitik

Ich denke manchmal, wir benehmen uns wie der Bauer im Gleichnis. Wir betrügen uns selber um die Bodenschätze unserer Länder und die Früchte der Wirtschaft, indem wir sie um jeden Preis vor fremden Händen fernhalten wollen.

Die Verteilung der Reichtümer über den Erdball ist, wie jeder weiß, sehr ungerecht. Wenn alle Menschen die Freiheit hätten, sich da niederzulassen, wo sie die besten Chancen wahrnehmen, würde das einen Ausgleich geben? Vielleicht. Vielleicht würden bestehende Strukturen in der »ersten Welt« unter einer Flut von Einwanderern zusammenbrechen und uns allen die gleichen schrecklichen Lebensbedingungen bescheren, wie sie derzeit zum Beispiel in Bangladesh bestehen.

Vielleicht aber ist die Angst vor der Einwandererwelle viel größer als ihre Wirklichkeit. Als die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik aufgelöst wurde, gab es nicht plötzlich eine Flut von Flüchtlingen aus dem Osten. Einige siedelten um; die Mehrheit aber blieb da. Die meisten Menschen wollen nämlich am liebsten da leben, wo sie aufgewachsen und verwurzelt sind. Sie machen sich nur dann auf den Weg, wenn es dort unerträglich wird.

Natürlich ist das Beispiel innerdeutsche Grenze ein wenig künstlich, denn in diesem Fall sah sich die Bundesregierung gezwungen, mit mächtigen Subventionen der Wirtschaft in den neuen Bundesländern unter die Arme zu greifen und auf diese Weise die Lebensbedingun­gen in der ehemaligen DDR erträglicher zu machen. Auch haben viele freiwillige Helfer in mühevoller Kleinarbeit den dortigen Bürgern den »Wandel« erleichtert.

Wieviel Beihilfe würden die Länder der »dritten Welt« denn brauchen, um ihren Durchschnittsbürgern einen ihrer Tradition gemäßen anständigen Lebensstil zu ermöglichen? Weit weniger, nehme ich an, als wir zur Zeit für die Rüstung ausgeben, die sich somit also als völlig überflüssig herausstellt. Und anders als die Rüstungskosten wäre eine solche Beihilfe nicht auf Dauer. Wie bei dem Marshall-Plan nach dem zweiten Weltkrieg handelt es sich hier um Startkapital, das zum Vorpumpen der Wirtschaft notwendig ist.

Ein neuer »Ismus«

Das gleiche, was für die Beziehungen unter den Nationen gilt, kann man auch im kleinsten Maßstab anwenden. Den Bauern in dem Gleichnis gibt es wirklich, wenn er sich auch in Wirklichkeit nicht ganz so dumm anstellt wie der in der Geschichte. Kein Landwirt würde seine Scheunen einfach offen stehen lassen. Warum haben unsere Häuser Schlösser und Riegel und Alarmanlagen? Warum können wir nicht gerecht unter uns teilen?

Politische Systeme, religiöse Ideologien und sonstige Modelle haben noch nie erfolgreich den Privatbesitz abschaffen können. Die freie Marktwirtschaft ist bis jetzt anscheinend die optimale Lösung, die den größten Vorteil für den größten Teil der Bevölkerung bietet. Allerdings wird bei dieser Analyse außer Acht gelassen, daß dieser Vorteil vielfach auf Kosten der Außenstehenden geht (wie zum Beispiel unserer Nachfahren und der Bewohner der »dritten Welt«).

Der Mensch ist dank seiner Evolution so eingerichtet, daß er in der Regel den größten Vorteil für sich selbst und seine Angehörigen sucht. In den meisten Situationen kann er am ehesten erkennen, was für ihn selbst kurzfristig den größten Gewinn bringt. Selbst wenn wir höhere Ziele im Blick haben, finden wir es schier unmöglich, alle Faktoren realistisch abzuwägen, so daß gut gemeinte Beschlüsse der Machthaber ebenso oft zu einer Verschlechterung wie zu einer Verbesserung führen.

Ich habe mich schon oft gefragt, ob man nicht eine neue Ideologie (einen neuen Ismus) erfinden könnte, der die besten Eigenschaften des Sozialismus, des Protestantismus und des Kapitalismus verbindet. Sie müßte der menschlichen Eigentümlichkeit volle Rechnung tragen und diese sogar zum Wohl der Gemeinschaft ausnutzen. Sie müßte es dem Einzelnen zwar möglich machen, durch redliche Anstrengung die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern, so daß keine Abhängigkeit von staatlichen Beihilfen entsteht, ohne aber den Unterschied zwischen Arm und Reich so groß werden zu lassen, daß er zu Kriminalität verführt. Sie darf Güter nicht verwahrlosen lassen, indem sie die Gesellschaft zum Besitzer erklärt, aber sie darf Güter auch nicht der Gesellschaft vorenthalten, indem sie sie zum Privatbesitz werden läßt. Sind diese Gegensätze irgendwie in Einklang zu bringen?

Ein mögliches Modell

Erstaunlicherweise gibt es innerhalb der freien Marktwirtschaft jetzt schon in begrenztem Maße ein solches Modell. Das wurde mir bei Betrachtung meines Dienstwagens erstmals bewußt. Mein Wagen gehört mir zwar nicht, aber ich verwende ihn, als ob er mein Privatbesitz wäre. Ich kann beliebig bestimmen, wann ich damit losfahre und wie weit, und brauche niemandem darüber Rechenschaft abzulegen. Jederzeit aber kann mein Arbeitgeber das Auto zurückfordern, wenn ich die Bedingungen zu seiner Benutzung nicht mehr erfülle.

Es ist in meinem eigenen Interesse, verantwortlich mit dem Wagen umzugehen, ihn ordentlich zu pflegen und warten zu lassen. Für die Wartung brauche ich nicht einmal zu zahlen, so daß wenig Anreiz besteht, damit zu geizen. So bleibt der Wert des Gegenstandes möglichst gut erhalten. Wenn ich das Pech habe, in einen Unfall verwickelt zu sein, brauche ich mir um die Reparatur oder den Ersatz des Fahrzeugs nicht den Kopf zu zerbrechen. Und wenn ich mich bei der Arbeit anstrenge und befördert werde, kann ich mir einen noch luxuriöseren Wagen aussuchen. Keinem meiner Kollegen käme es in den Kopf, mir mit Gewalt das Auto zu entwenden. Was würde es ihm nützen?

Wie wäre es denn, wenn jedem Menschen all das zur Verfügung gestellt würde, was er zum Leben notwendig hat? Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, sauberes Wasser zu trinken und Zugriff auf öffentliche Verkehrs- und Kommunikationsmittel wären wohl das Minimum. Darüberhinaus könnte jeder sich dazuverdienen, was er für wünschenswert oder notwendig hält. Wer mit diesen Dingen unvernünftig umgeht und sie verdirbt, würde nicht automatisch sofort einen Ersatz bekommen. So würde die persönliche Verantwortung gefördert.

Stehlen würde sich unter einem solchen System überhaupt nicht lohnen. Wo es keinen absoluten Privatbesitz gibt, lassen sich gestohlene Güter nicht verkaufen. Geld selbst wäre wahrscheinlich überflüssig, und damit wären auch solch unproduktive Erscheinungen wie Gewinnspiele, Wucher und Spekulation abgeschafft.

Natürlich wird man sofort fragen, wer denn ein solches System verwalten würde? Wer hätte die Verantwortung zu entscheiden, wem zum Beispiel ein Mercedes zusteht und wem ein VW? Schon heute haben Regierungen zuviel Macht. Wenn sie zusätzlich diese Zuständigkeit bekämen, wäre es sicher für die bei den Führungsschichten unbeliebten Leute schlecht. Darauf kenne ich nicht sofort eine Antwort. Die Regeln müßten auf jeden Fall klar durchschaubar und gerecht angewandt werden, so wie bei der Verleihung des Firmenwagens auch.

Schlußfolgerungen

Jedenfalls habe ich aus derartigen Überlegungen für mich selbst den Schluß gezogen, daß ich nichts, was ich durch Gottes Gnade derzeit habe, als meinen persönlichen Privatbesitz oder mein absolutes Recht betrachten kann. Vielmehr weiß ich, daß ich mit dem Geld und mit den Gütern, die ich verwalte, verantwortlich umgehen muß. Das gilt auch für meinen Leib und meine Gesundheit. Sie sind genausosehr da, um Anderen nützlich zu sein wie mir selbst. Schließlich ist mein ganzes Leben eine Leihgabe von Gott, die er jederzeit einfordern kann. Und dann kann ich sowieso von dem ganzen Luxus nicht die winzigste Kleinigkeit behalten.

Es wäre tragisch, wenn im angehenden Jahrhundert, in dem (von Naturkatastrophen abgesehen) es erstmals möglich sein wird, die gesamte Menschheit mit ausreichenden Lebensmitteln zu versorgen, wir diese Chance nicht wahrnehmen. Wir dürfen nicht länger unseren gottgegebenen Reichtum verschwenden, indem wir uns untereinander bekämpfen, sondern müssen alle an einem Strang ziehen. Nur so kommen wir alle in diesem Leben auf unsere Kosten.



Created Thu Oct 23 16:10:26 2003

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